Ein grundzufriedener Mann

von Richard Russo

gelesen

„Der freie Wille – viel diskutiert in der Philosophiestunde und eins der ersten Dinge, die verschwunden waren. Der Lehrer, der Sully so unglaublich jung erschienen war, hatte ihn mit der Behauptung überrascht, dass so etwas wie eine Wahl nicht existiere, der freie Wille des Menschen pure Illusion sei. (…) er wünschte sich, den Lehrer jetzt hier zu haben, damit er ihm erklären konnte, warum es hier keine Wahl geben sollte. Vielleicht würde er es schaffen, indem er die Existenz des Pick-ups widerlegte. Für Sully hingegen sah es ganz nach einer Wahl aus. Und zwar nach seiner verdammten Wahl.

Er kletterte ins Führerhaus, ließ den Wagen an, legte den Gang ein, löste die Bremse, holte tief Luft und trat aufs Gas. Er hätte ja aufhören können, als er hörte und spürte, wie die Räder im Schlamm durchdrehten, aber er machte stur weiter – ließ den Motor aufheulen und drückte das Gaspedal durch. Plötzlich war seine monatelang unterdrückte Wut hervorgekommen, das hohe, anhaltende Kreischen des Motors schien fast sein eigener Schrei zu sein, und die Hinterräder des Wagens ließen den Schlamm bis zu Carl Roebucks halbfertigen Haus spritzen. Dann begann der Pick-up so heftig zu zittern, dass Sully kaum das Lenkrad halten konnte, schließlich gab der Motor zwei heftige Schluchzer von sich, erschauerte noch einmal und erstarb. Auch gut.“

eingeschätzt

Sully ist ein ganz Großer, der es immer wissen will, jeden Kampf auf sich nimmt und den Leser in eine Zeit entführt, in der Selbstoptimierung noch ein Fremdwort war.

www.dumont-buchverlag.de


 

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Ein wenig Leben

von Hanya Yanagihara

gelesen
„Er sprach Deutsch und Französisch. Er kannte das Periodensystem auswendig. Er konnte – ohne es zu wollen – große Teile der Bibel nahezu lückenlos aus dem Gedächtnis aufsagen. Er hätte bei der Geburt eines Kalbes helfen, eine Lampe anschließen, einen Abfluss reinigen und einen Walnussbaum auf die effizienteste Weise abernten können; er wusste, welche Pilze giftig waren und welche nicht, wie man Heuballen machte, wie man durch Klopfen herausfand, ob eine Wassermelone, ein Apfel, ein Kürbis oder eine Zuckermelone reif waren. (Und dann wusste er noch Dinge, die er lieber nicht gewusst hätte, Dinge, von denen er hoffentlich nie wieder Gebrauch würde machen müssen, Dinge, die ihn sich, wenn er an sie dachte oder nachts von ihnen träumte, vor Hass und Scham krümmen ließen.)”

eingeschätzt
Der Roman wird hymnisch gefeiert, hier nicht: viel zu viel des Bösen und viel zu viel des Guten und damit übersteigt er die Grenze zum Kitsch; teilweise mitreißend erzählt, aber auch unglaublich erschöpfend über fast 1000 Seiten.

www.hanser-literaturverlage.de

4 3 2 1

von Paul Auster

gelesen

„ … aber Ferguson verstand kein Wort, nicht bei diesem Lärm aus Regen und Donner, und dann erst recht nicht mehr, als er seinerseits zu schreien begann, nicht mehr als George, der Lennie von dem Gewitter erlösen wollte, sondern einfach als Ferguson selbst, ein dreizehnjähriger Junge, der kreischte vor Begeisterung bei dem Gedanken, in einer Welt wie der zu leben, die ihm an diesem Morgen geschenkt wurde, und als ein Blitz in den obersten Ast eines der Bäume einschlug, dachte Ferguson sich nichts dabei, denn er wusste, ihm konnte nichts passieren, und dann sah er, dass Bill aus der Hütte auf ihn zugelaufen kam und fragte sich, warum tut er das nur, doch bevor er sich die Frage beantworten konnte, war der Ast oben abgebrochen und raste auf Fergusons Kopf zu. Er spürte den Schlag, spürte das Holz auf ihn niederkrachen, so als hätte jemand ihm von hinten eins übergebraten, und dann spürte er nichts, absolut nichts mehr und niemals wieder etwas, und sein regloser Körper lag auf der durchnässten Erde, und der Regen prasselte weiter auf ihn ein, und der Donner hörte nicht auf zu donnern, und von einem Ende der Welt zum anderen schwiegen die Götter.”

eingeschätzt

Kontingenz ist die Nicht-Notwendigkeit alles Bestehenden und wurde vermutlich nie schöner in einen Roman gefasst. Oder: Eine Woche Urlaub nehmen und lesen und denken.

www.rowohlt.de