Special: Anne Tyler

Die störrische Braut
Die Adaption von Der Widerspenstigen Zähmung liest sich heute so:
Montag, 13:13 Uhr
Hi Kate! Wir haben Heiratserlaubnis geholt!
Wer ist wir?
Dein Vater und ich.
Na, dann hoffe ich, dass ihr glücklich miteinander werdet.

Atemübungen
Und der Dialog in einer langjährigen Ehe liest sich bei Anne Tyler so:
„Also, eines kann ich bei dir nicht ausstehen”, fuhr sie ihn an, „wie du dich immer als der Überlegene aufspielst. Ein zivilisierter Austausch von Argumenten ist einfach nicht möglich zwischen uns. Nein, du musst erst mal feststellen, wie unlogisch ich bin und was für ein Wirrkopf und wie besonnen du bist und wie sehr du über allem stehst.”
„Na ja, zumindest trete ich meine Lebensgeschichte nicht in öffentlichen Esslokalen breit”, erwiderte er.
„Lass mich hier raus”, sagte sie. „Keine Sekunde halte ich es mehr mit dir aus”.
„Gern”, sagte er, fuhr aber weiter.

Kleine Abschiede
Und der Abschied schließlich so:
„Bei jeder Auseinandersetzung zwischen ihnen war er auf und davon gegangen, bevor sie etwas geklärt hatten. Er brachte sie erst richtig in Fahrt und zog sich dann erhaben zurück, so dass der Eindruck entstand, wenigstens er benähme sich wie ein Erwachsener. Erwachsener? Eher ein alter Mann. Wer sonst ging mit Schuhen in die Brandung? Wer sonst kühlte so umständlich spritzend seine Brust und Oberarme ab, bevor er ins Wasser tauchte. Und schaute, wieder aufgetaucht, auf die Uhr, großer Gott? Delia kam es vor, als messe er den Wellenrhythmus, ein ausgeklügeltes, kleinliches Ritual, das sie zornig machte.
Sie schnappte ihre Strandtasche von der Decke, machte auf dem bloßen Hacken kehrt und stapfte durch den Sand davon.”

 

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Der leuchtend blaue Faden

von Ann Tyler

gelesen
„Was man am Neujahrstag macht, so heißt es, das macht man das ganze Jahr, und tatsächlich gab Abbys Verschwinden das Thema für 2012 vor. Sie begann, sich irgendwie zu entfernen, selbst wenn sie anwesend war. Bei vielen Gesprächen, die um sie herum stattfanden, schien sie teilweise zu fehlen. Amanda sagte, sie verhalte sich wie eine Frau, die sich verliebt hat. Aber ganz abgesehen von der Tatsache, dass Abby immer und ewig nur Red geliebt hatte – zumindest soweit sie wussten –, vermittelte sie nicht den Eindruck, als ob sie trunken vor Glück wäre, wie man das von Frischverliebten kennt. Sie schien vielmehr unglücklich zu sein, was überhaupt nicht zu ihr passte. Sie trug eine gereizte Miene zur Schau, und ihr Haar – inzwischen grau und auf Kinnhöhe gekürzt, so dicht und buschig wie die Perücke einer alten Porzellanpuppe – wirkte glanzlos und strapaziert, als hätte sie gerade etwas Schlimmes hinter sich.”

eingeschätzt
Über die kleinen und großen Geheimnisse in der Familie und das Geheimnis einer langen Ehe – herrlich!

verwandt
Die Korrekturen und Freiheit von Jonathan Franzen

www.keinundaber.ch