Ein grundzufriedener Mann

von Richard Russo

gelesen

„Der freie Wille – viel diskutiert in der Philosophiestunde und eins der ersten Dinge, die verschwunden waren. Der Lehrer, der Sully so unglaublich jung erschienen war, hatte ihn mit der Behauptung überrascht, dass so etwas wie eine Wahl nicht existiere, der freie Wille des Menschen pure Illusion sei. (…) er wünschte sich, den Lehrer jetzt hier zu haben, damit er ihm erklären konnte, warum es hier keine Wahl geben sollte. Vielleicht würde er es schaffen, indem er die Existenz des Pick-ups widerlegte. Für Sully hingegen sah es ganz nach einer Wahl aus. Und zwar nach seiner verdammten Wahl.

Er kletterte ins Führerhaus, ließ den Wagen an, legte den Gang ein, löste die Bremse, holte tief Luft und trat aufs Gas. Er hätte ja aufhören können, als er hörte und spürte, wie die Räder im Schlamm durchdrehten, aber er machte stur weiter – ließ den Motor aufheulen und drückte das Gaspedal durch. Plötzlich war seine monatelang unterdrückte Wut hervorgekommen, das hohe, anhaltende Kreischen des Motors schien fast sein eigener Schrei zu sein, und die Hinterräder des Wagens ließen den Schlamm bis zu Carl Roebucks halbfertigen Haus spritzen. Dann begann der Pick-up so heftig zu zittern, dass Sully kaum das Lenkrad halten konnte, schließlich gab der Motor zwei heftige Schluchzer von sich, erschauerte noch einmal und erstarb. Auch gut.“

eingeschätzt

Sully ist ein ganz Großer, der es immer wissen will, jeden Kampf auf sich nimmt und den Leser in eine Zeit entführt, in der Selbstoptimierung noch ein Fremdwort war.

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Ignaz oder Die Verschwörung der Idioten

von John Kennedy Toole

gelesen
„Er schob den Karren weiter die Straße entlang und rief wieder: „Heiße Würstchen!“
George […] vernahm den Lockruf und wandte sich an den monströsen Wurstverkäufer. „He – Sie! Geben Sie mir so ein Ding.“ Ignaz blickte streng auf den Knaben herab, der sich ihm in den Weg gestellt hatte […].
„Tut mir Leid“, schnaubte Ignaz. „Mit den paar Würstchen, die ich noch übrig habe, muß ich sparsam umgehen. Bitte lassen Sie mich vorbei.“
„Sparsam umgehen? Wer soll die kriegen?“
„Das geht dich doch nichts an, du Schnösel! Warum bist du nicht in der Schule? Sei nicht lästig: Abgesehen davon habe ich kein Geld zum Herausgeben.“
„Ich habe einen Vierteldollar“, höhnten die dünnen Lippen.
„Ich gebe sie nur paarweise ab. Verstanden?“
„Was haben Sie denn, Mann?“
„Was ich habe? Denk lieber darüber nach, wo´s bei dir fehlt! Woher kommt dir dieser widernatürliche Wunsch, am frühen Nachmittag eine Wurst zu essen? Mein Gewissen erlaubt mir nicht, dir eine zu verkaufen: Schau dir doch deinen Teint an! Du bist ein Junge, der noch wächst und für den Aufbau seines Körpers Gemüse braucht – und Orangensaft und Vollkornbrot und Spinat! Ich lasse mich nicht auf eine Verführung Minderjähriger ein!“
„Was soll das? Verkaufen Sie mir eines von Ihren Würstchen: Ich bin hungrig. Ich habe nichts zu Mittag gehabt.“
„Nein!“ brüllte Ignaz so wütend, daß die Passanten sich nach ihm umwandten. „Und jetzt verschwinde, bevor ich dich über den Haufen fahre!“

verstanden
Szenen aus Ignaz Berufsleben: das ist Scheitern und antikapitalistischer Heldenstreich, das ist Lachen und fassungsloses Staunen

eingeschätzt
ein Klassiker – immer wieder lesen: vor allen Dingen nach einer anstrengenden Arbeitswoche