Der letzte Granatapfel

von Bachtyar Ali

gelesen
„Er ging, und ich musste warten. Ein Warten wie in den ersten Jahren meiner Gefangenschaft, als ich noch ein unerfahrener Gefangener war und die Tage, Wochen und Monate zählte. Ah, es gibt keine schwierigere Kunst, als dir selbst beizubringen, nicht zu warten. Was ist der Mensch doch für ein schwaches Wesen, ständig wartet es auf etwas. Bis zum Jüngsten Tag wartet es auf die versprochene Belohnung, die niemals kommt, denn sie ist eine Lüge. Heute Nacht aber sage ich euch, dass der Mensch ohne Warten ein Nichts ist und zusammenbricht. Ohne das Warten ist er für immer verloren.”

eingeschätzt
ein absolut magischer Roman über Flucht, Freiheit und die ewige Suche – geschrieben von einem kurdischen Autor, der in Deutschland seine zweite Heimat gefunden hat

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Mister Aufziehvogel

von Haruki Murakami

gelesen
„Hoch oben über mir schwebt eine runde Scheibe Licht: der Abendhimmel. Während ich zu ihm aufschaue, denke ich an die oktoberabendliche Welt, in der ‚die Leute‘ wohl gerade den Geschäften ihres Lebens nachgehen. In diesem blassen Herbstlicht hasten sie die Straßen entlang, kaufen ein, bereiten das Abendessen vor, besteigen Pendlerzüge, die sie nach Haus bringen sollen. Und sie denken (wenn sie überhaupt denken), diese Dinge seien zu selbstverständlich, als daß es sich lohnte, darüber nachzudenken – genau wie ich früher dachte (beziehungsweise nicht dachte). Sie werden unter dem vagen Begriff ‚Leute‘ zusammengefaßt, und auch ich habe früher zu diesen Namenlosen gehört. Geduldig und geduldet leben sie miteinander unter diesem Licht, und solange sie vom Licht umhüllt sind, muß eine Art von Nähe entstehen, ob nun für immer oder nur für einen Augenblick. Ich allerdings bin keiner mehr von ihnen. Sie sind da oben, auf dem Antlitz der Erde; ich bin hier unten, auf dem Grund eines Brunnens. Ihnen gehört das Licht, während ich dabei bin, es zu verlieren. Mitunter befällt mich das Gefühl, ich könnte nie wieder in jene Welt zurückfinden, nie wieder den Frieden erleben, vom Licht umhüllt zu sein, nie wieder den weichen Körper des Katers an mich drücken dürfen.“

verstanden
Die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Imagination verschwimmen, während Haruki Murakami an seinem Schreibtisch mitten im Pazifik sitzt, Katzen verschwinden lässt und zeigt, dass in der postmodernen Welt alle Helden gleich sind – ob in Tokio oder New York.

eingeschätzt
sehr lesenswert – für Freunde von Paul Auster, aber auch von Raymond Chandler