Ehre

von Elif Shafak

gelesen 

„Meine Mutter starb zwei Mal. Ich habe mir geschworen, ihre Geschichte nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, habe aber nie die Zeit oder den Willen oder den Mut aufgebracht, sie niederzuschreiben. Bis vor Kurzem. Ich glaube nicht, dass jemals eine echte Schriftstellerin aus mir wird, aber das ist in Ordnung. Ich bin jetzt in einem Alter, in dem ich meine Grenzen und Fehler besser akzeptieren kann. Aber ich musste die Geschichte erzählen, und sei es nur einem einzigen Menschen. Ich musste sie in die Welt hinausschicken, damit sie losgelöst von uns frei davonschweben konnte. Diese Freiheit war ich Mum schuldig. Und ich musste noch dieses Jahr fertig werden, noch vor seiner Entlassung aus dem Gefängnis.”

eingeschätzt

Fesselnde Chronik eines Ehrenmordes – die Anflüge von Kitsch sind zu verzeihen

www.keinundaber.ch

 

 

 

Zwei Herren am Strand

von Michael Köhlmeier

gelesen
„Sie saßen in einer Loge hinten im Speisesaal, ihr Tisch konnte nur in unhöflicher Weise eingesehen werden. Es war wenig wahrscheinlich, dass die anderen Gäste verstanden, was Churchill, sich in Fistelstimme redend, über seinen Plan einer ‚zukünftigen Allianz gegen den schwarzen Hund’ vortrug; aber dass sie die Aufmerksamkeit aller auf sich zogen, konnte Chaplin hören, weil er in den wenigen Pausen, die sein Gegenüber ließ, nämlich nichts hörte, wo normalerweise Stimmen, Gelächter, Besteckgeklapper waren. Dass inzwischen jeder im Saal wusste, wer dort hinten feierte, dafür war längst gesorgt, da war er sich gewiss. Hollywoods Kellner und Kellnerinnen bestritten ihren Lebensunterhalt nicht nur, indem sie Cocktails und Braten reichten, sondern auch indem sie Gerüchte weitergaben.″

eingeschätzt
Ein sehr lesenswerter Roman über zwei ungleiche Herren, die den Kampf gegen die Depression gemeinsam aufnehmen und am Ende doch alleine führen müssen.

Kapital

von John Lanchester

gelesen
„Roger hasste diese unheimlichen Karten, die andauernd in seinem Briefkasten landeten, die Karten, auf denen WIR WOLLEN WAS IHR HABT stand. Sie hatten sich in seinem Kopf eingenistet und richteten dort allmählich ziemlichen Schaden an. Er kam sich so vor, als stünde er unter Überwachung, als würde man ihn beobachten, weil man etwas Böses plante. Und er hatte das Gefühl, dass man ihn beneidete, aber es war nicht die Art von Neid, die einen bestätigte und einem das wohlige Gefühl gab, erfolgreich zu sein. Auf diese Art beneidet zu werden war etwas, das Roger genoss. Der Gedanke, dass sich andere Menschen wünschten, sie verfügten über genauso viel materiellen Reichtum wie er, war eine Vorstellung, an der man sich gemütlich wärmen konnte wie an einem lustig flackernden Kaminfeuer. Aber diese Sache hier war anders. Es war eher so, als würde ihn jemand Tag und Nacht im Auge behalten und ihm insgeheim die übelsten Dinge an den Hals wünschen.“

verstanden
Das Geld als Motor für Angst, Gier und Neid zeigt der Turbokapitalismus. Ein mittleres, sicheres Einkommen als Garant für Zufriedenheit zeigt die Glücksforschung.

eingeschätzt
an die 800 Seiten starke und unterschiedlichste Lebensgeschichten – sehr lesenswert