Fräulein Nettes kurzer Sommer

von Karen Duve

Am Anfang
„Annette von Droste-Hülshoff war eine Nervensäge. Schon ihre Geburt hatte den Eltern Kummer bereitet. An einem klirrend kalten Januarmorgen des Jahres 1797 war ihre schwangere Mutter, Therese von Droste-Hülshoff – eine Autorität in Anstandsfragen, die normalerweise jedes auffällige Benehmen, dieses bürgerliche Verhalten, wie den Tod scheute –, auf die fixe Idee gekommen, ganz allein auf dem zugefrorenen Burggraben einmal rund um das Hülshoff’sche Wasserschloss zu schliddern, und prompt gestürzt. Mit hochrotem Kopf nach allen Seiten äugend, ob jemand das peinliche Missgeschick beobachtet haben könnte, rappelte sie sich wieder auf, klopfte sich den Schnee vom Rock und verfügte sich beschämt in ihre Gemächer. Kurz darauf setzten die Wehen ein, zwei Monate zu früh, und Therese gebar ein winziges, kümmerliches Geschöpf mit noch winzigeren Händchen, die Finger wie Spatzenkrallen und die Nägel daran kaum wahrnehmbare Häutchen. Man hatte auf einen Sohn gehofft. Eine Tochter – Jenny – gab es ja bereits, wozu also noch eine?”

Am Ende
Man bleibt zurück mit dem Gefühl, den komischsten und erhellendsten historischen Roman überhaupt gelesen zu haben. Eine furiose neue Geschichtsschreibung aus der Perspektive einer Frau.

www.kiwi-verlag.de/

Unschuld

von Jonathan Franzen

gelesen
Ich habe das Wort Paradies immer gehasst. Ich dachte, es wäre bloß so ein blöder Wiedergeburtlerausdruck für tot. Aber jetzt muss ich das überdenken, ein bisschen zumindest. Der Vogel da zum Beispiel -‘
‚Unser Gabelschwanz-Königstyrann.‘
‚Der wirkt vollkommen zufrieden. Ich neige allmählich zu der Ansicht, dass das Paradies nicht ewige Zufriedenheit bedeutet. Es ist doch eher so, als hätte das Gefühl von Zufriedenheit etwas Ewiges an sich. Ein ewiges Leben, so was gibt es doch gar nicht, weil man nie schneller als die Zeit sein wird; wenn man aber zufrieden ist, kann man der Zeit entfliehen, weil die dann keine Rolle spielt. Leuchtet das ein?‘
‚Sehr sogar.‘
‚Also beneide ich die Tiere.‘“

eingeschätzt
„Wie Franzen die Natur, die überwältigende Schönheit dieses Tales mit der Leere des Internets kontrastiert, den alten, traditionellen Journalismus gegen das moralisch aufgeladene Whistleblowing von heute ausspielt, echte Liebe gegen virtuelle und die heillos in moralische Grundsatzkonflikte verwickelte alte Generation gegen die junge, freie, neue, das macht es Franzens Gegnern leicht, diesen Roman zu verspotten.“ (Spiegel, 36/2015). Nicht zu verspotten, aber zu bedauern ist er, denn ähnlich wie in der Der Circle von Dave Eggers fühlt man sich zuweilen wie in einem Dreigroschenroman.