Das Paradies der Damen

von Émile Zola

gelesen

„An den Schaufensterscheiben lief das Wasser herunter, man konnte drüben nur noch den Schnee der Spitzen erkennen, deren Weiß durch die matt geschliffenen Glocken einer am unteren Rand angebrachten Reihe von Gaslampen noch leuchtender wurde; und auf diesem Kapellenhintergrund hoben sich kräftig die Konfektionswaren, wirkte der großartige silberfuchsbesetzte Samtmantel wie die geschwungene Seitenansicht einer Frau ohne Kopf, die durch den Regenguss zu irgendeinem Fest in die unbekannte Finsternis von Paris eilte.”

eingeschätzt

Großartig, auch wenn die Liebesgeschichte hart an der Grenze zum Sozialkitsch ist.

www.dtv.de

Gräser der Nacht

von Patrick Modiano

gelesen
„Auch mich überfällt ein seltsames Empfinden bei dem Gedanken an diese Lampen, die wir vergessen haben auszuknipsen, und an diese Orte, wo wir nie wieder hingekommen sind … Es war nicht unsre Schuld. Jedesmal mussten wir schnell weg, und auf Zehenspitzen. Ich bin sicher, in dem Landhaus haben wir irgendwo ein Licht brennen lassen. Und wenn ich allein verantwortlich wäre für diese Unachtsamkeit oder dieses Vergessen? Heute bin ich überzeugt, dass es weder Vergessen war noch Unachtsamkeit, sondern dass ich im Moment des Aufbruchs immer absichtlich eine Lampe anknipste. Vielleicht aus Aberglaube, um Unglück abzuwenden, und vor allem, damit eine Spur zurückblieb von uns, ein Zeichen, das besagen sollte, wir seien nicht wirklich fort und wir kämen irgendwann wieder.”

eingeschätzt
Licht und Schatten, Glück und Trauer, Traum und Wirklichkeit, Erinnern und Vergessen – das alles passt auf diese knapp zweihundert Seiten und selten ist Melancholie schöner.

www.hanser-literaturverlage.de

Im Café der verlorenen Jugend

von Patrick Modiano

gelesen
„Für mich ist der Herbst nie eine traurige Jahreszeit gewesen. Das welke Laub und die kürzer werdenden Tage haben mir nie das Ende von irgendwas bedeutet, vielmehr ein Warten auf die Zukunft. Die Luft ist elektrisch aufgeladen in Paris, an Oktoberabenden, wenn die Nacht herabsinkt. Sogar bei Regenwetter. Ich bin nie trübselig um diese Stunde, leide auch nicht unter der flüchtigen Zeit. Ich habe ein Gefühl, als sei alles möglich. Das Jahr beginnt im Oktober. Dann ist Schulanfang, und ich glaube, auch der richtige Moment zum Pläneschmieden.“

verstanden
Vier unterschiedliche Stimmen beschreiben eine junge Frau – und am Ende kennt sie doch niemand.

eingeschätzt
Melancholie in Paris, zu der man in Stimmung sein muss

Bel-Ami

von Guy de Maupassant

gelesen
„Als die Kassiererin ihm auf sein Hundertsousstück herausgegeben hatte, verließ Georges Duroy das Restaurant. Da er von Charakters wegen und als ehemaliger Unteroffizier gern den Schneidigen spielte, drückte er die Brust heraus, zwirbelte den Schnurrbart mit einer soldatischen, ihm geläufigen Geste und warf auf die noch verweilenden Speisenden einen raschen Rundblick, einen jener Blicke, die eine Eigentümlichkeit hübscher Kerle sind und die wie die Schnabelhiebe eines Sperbers wirken.
Die Frauen hatten zu ihm hingeblickt, drei kleine Arbeiterinnen, eine Klavierlehrerin unbestimmten Alters, schlecht frisiert, vernachlässigt, mit stets staubigem Hut und stets verrutschtem Kleid, sowie zwei Ehefrauen aus dem Mittelstand mit ihren Männern, Stammgäste dieser Kneipe zu festen Preisen.
Auf dem Gehsteig blieb er einen Augenblick stehen und überlegte, was er jetzt anfangen sollte.“

verstanden
Georges Duroy, talentlos, macht sich und wird gemacht – zwischen Schein und Sein, Ohnmacht und Macht, beobachten und beobachtet werden ist das 19. Jahrhundert erstaunlich nah.

eingeschätzt
Maupassant meisterhaft: Von der ersten Seite an ist man gefangen und fragt sich, fällt er oder steigt er weiter auf, dieser Taugenichts?