Unschuld

von Jonathan Franzen

gelesen
Ich habe das Wort Paradies immer gehasst. Ich dachte, es wäre bloß so ein blöder Wiedergeburtlerausdruck für tot. Aber jetzt muss ich das überdenken, ein bisschen zumindest. Der Vogel da zum Beispiel -‘
‚Unser Gabelschwanz-Königstyrann.‘
‚Der wirkt vollkommen zufrieden. Ich neige allmählich zu der Ansicht, dass das Paradies nicht ewige Zufriedenheit bedeutet. Es ist doch eher so, als hätte das Gefühl von Zufriedenheit etwas Ewiges an sich. Ein ewiges Leben, so was gibt es doch gar nicht, weil man nie schneller als die Zeit sein wird; wenn man aber zufrieden ist, kann man der Zeit entfliehen, weil die dann keine Rolle spielt. Leuchtet das ein?‘
‚Sehr sogar.‘
‚Also beneide ich die Tiere.‘“

eingeschätzt
„Wie Franzen die Natur, die überwältigende Schönheit dieses Tales mit der Leere des Internets kontrastiert, den alten, traditionellen Journalismus gegen das moralisch aufgeladene Whistleblowing von heute ausspielt, echte Liebe gegen virtuelle und die heillos in moralische Grundsatzkonflikte verwickelte alte Generation gegen die junge, freie, neue, das macht es Franzens Gegnern leicht, diesen Roman zu verspotten.“ (Spiegel, 36/2015). Nicht zu verspotten, aber zu bedauern ist er, denn ähnlich wie in der Der Circle von Dave Eggers fühlt man sich zuweilen wie in einem Dreigroschenroman.  

 


Warum die Sache schiefgeht

von Karen Duve

gelesen
„Man muss keine antisoziale Persönlichkeitsstörung haben, um Manager (oder Politiker) zu werden, aber es hat gewisse Vorteile. Für Top-Positionen kommen nämlich nur Bewerber in Frage, die einen 16-stündigen Arbeitstag in Kauf nehmen. (…) Die Trennung vom sozialen Umfeld sichert die Kontrolle über die Wertvorstellungen und das Selbstbild der Sektenmitglieder bzw. Politiker bzw. Führungseliten. (…) Wer erst einmal zum Inner Circle gehört, dem erscheinen die Meinungen und Einwände Uneingeweihter unendlich nebensächlich. Von solchen Führungskräften muss man nicht befürchten, dass sie bei ökologisch heiklen, aber ökonomisch vielversprechenden Projekten Solidarität mit den von ihrem Projekt betroffenen Menschen empfinden. Warum sollte jemand, der sich der Macht und des Geldes wegen von der Gesellschaft getrennt hat und in völlig anderen Sphären über ihr schwebt, sich großartig für das Wohl dieser Gesellschaft interessieren oder sich ihren Werten und Gesetzen verpflichtet fühlen?“

verstanden
Es gibt nicht wirklich viel Neues zu verstehen in diesem Essay – die Herren Mehdorn, Edathy, Middelhoff, Hoeneß und wie sie alle heißen, lassen es einen leider jeden Tag wissen.

eingeschätzt
Die Argumentation ist nicht immer stringent und oft schwarz/weiß, dafür aber angemessen wütend. Wem die Weihnachtsstimmung überhand nimmt, der ist hier gut aufgehoben.