Der leuchtend blaue Faden

von Ann Tyler

gelesen
„Was man am Neujahrstag macht, so heißt es, das macht man das ganze Jahr, und tatsächlich gab Abbys Verschwinden das Thema für 2012 vor. Sie begann, sich irgendwie zu entfernen, selbst wenn sie anwesend war. Bei vielen Gesprächen, die um sie herum stattfanden, schien sie teilweise zu fehlen. Amanda sagte, sie verhalte sich wie eine Frau, die sich verliebt hat. Aber ganz abgesehen von der Tatsache, dass Abby immer und ewig nur Red geliebt hatte – zumindest soweit sie wussten –, vermittelte sie nicht den Eindruck, als ob sie trunken vor Glück wäre, wie man das von Frischverliebten kennt. Sie schien vielmehr unglücklich zu sein, was überhaupt nicht zu ihr passte. Sie trug eine gereizte Miene zur Schau, und ihr Haar – inzwischen grau und auf Kinnhöhe gekürzt, so dicht und buschig wie die Perücke einer alten Porzellanpuppe – wirkte glanzlos und strapaziert, als hätte sie gerade etwas Schlimmes hinter sich.”

eingeschätzt
Über die kleinen und großen Geheimnisse in der Familie und das Geheimnis einer langen Ehe – herrlich!

verwandt
Die Korrekturen und Freiheit von Jonathan Franzen

www.keinundaber.ch

Unschuld

von Jonathan Franzen

gelesen
Ich habe das Wort Paradies immer gehasst. Ich dachte, es wäre bloß so ein blöder Wiedergeburtlerausdruck für tot. Aber jetzt muss ich das überdenken, ein bisschen zumindest. Der Vogel da zum Beispiel -‘
‚Unser Gabelschwanz-Königstyrann.‘
‚Der wirkt vollkommen zufrieden. Ich neige allmählich zu der Ansicht, dass das Paradies nicht ewige Zufriedenheit bedeutet. Es ist doch eher so, als hätte das Gefühl von Zufriedenheit etwas Ewiges an sich. Ein ewiges Leben, so was gibt es doch gar nicht, weil man nie schneller als die Zeit sein wird; wenn man aber zufrieden ist, kann man der Zeit entfliehen, weil die dann keine Rolle spielt. Leuchtet das ein?‘
‚Sehr sogar.‘
‚Also beneide ich die Tiere.‘“

eingeschätzt
„Wie Franzen die Natur, die überwältigende Schönheit dieses Tales mit der Leere des Internets kontrastiert, den alten, traditionellen Journalismus gegen das moralisch aufgeladene Whistleblowing von heute ausspielt, echte Liebe gegen virtuelle und die heillos in moralische Grundsatzkonflikte verwickelte alte Generation gegen die junge, freie, neue, das macht es Franzens Gegnern leicht, diesen Roman zu verspotten.“ (Spiegel, 36/2015). Nicht zu verspotten, aber zu bedauern ist er, denn ähnlich wie in der Der Circle von Dave Eggers fühlt man sich zuweilen wie in einem Dreigroschenroman.  

 


Makarionissi oder Die Insel der Seligen

von Vea Kaiser

gelesen
„In Variatsi, einem kleinen Bergdorf nahe der albanisch-griechischen Grenze, gab es das Sprichwort, dass die dunkelste Stunde immer jene vor Sonnenaufgang sei. Als Maria Kouzis jedoch im Frühling neunzehnhundertsechsundfünfzig aufschreckte und sich an der Wand ihrer Schlafkammer abstützte, auf dass die jahrhundertalten Steine ihr wild pochendes Herz etwas beruhigten, war sie sicher, noch nie eine solch finstere Nacht erlebt zu haben, obwohl es erst kurz nach Mitternacht war. Maria Kouzis fragte sich: War sie in ihren Gedanken verloren gegangen, hatte sie sich in Wachträumen verirrt oder war sie einfach eingenickt? Die alte Frau traute dem Schlaf nicht, denn wer zu tief schläft, verpasst, was um ihn herum geschieht. In jedem Falle war sie jedoch überzeugt, soeben ein Zeichen erhalten zu haben. Denn Zeichen in all ihren Gestalten hatte Maria Kouzis im Laufe ihres Lebens zu trauen gelernt.“

verstanden
Die Griechen: vorgestern, gestern und heute, in Griechenland, Deutschland, USA und in Österreich

eingeschätzt
ein hinreißender und komischer Familienroman