Löwen wecken

von Ayelet Gundar-Goshen

gelesen
„Und er dachte sich gerade, dies sei der schönste Mond, den er je gesehen habe, als er diesen Mann umfuhr. Und als er ihn umfuhr, dachte er im ersten Moment immer noch an den Mond, dachte weiter an den Mond und hörte dann mit einem Schlag auf, als hätte man eine Kerze ausgeblasen. (…)
Er sah wieder auf den Eritreer. Blut strömte ihm aus dem Kopf und befleckte seinen Hemdkragen. Wenn er Glück hatte, würde der Richter es bei ein paar Monaten belassen. Aber er würde nicht mehr operieren dürfen. Das war sicher. Kein Mensch stellte einen Chirurgen an, der wegen eines Tötungsdelikts verurteilt war. Und dann die Medien und Jahali und Itamar und Liat und seine Mutter und die Leute, denen er zufällig auf der Straße begegnete. Und der Eritreer blutete weiter, als täte er es mit Absicht.
Und plötzlich wusste er, er musste weg. Jetzt. Diesen Mann konnte er nicht mehr retten. Da sollte er wenigstens versuchen, sich selbst zu retten.“

verstanden
Fremde sind wir uns selbst – einmal mehr bewahrheitet sich der Titel von Julia Kristeva

eingeschätzt
unverzichtbar für die Flüchtlingsdebatte; sehr starker Text, der auch als TV-Serie adaptiert wird – sehr viele Effekte am Ende, die Szenen von Breaking Bad herauf beschwören – der starke Inhalt hätte es aber nicht gebraucht

Warum die Sache schiefgeht

von Karen Duve

gelesen
„Man muss keine antisoziale Persönlichkeitsstörung haben, um Manager (oder Politiker) zu werden, aber es hat gewisse Vorteile. Für Top-Positionen kommen nämlich nur Bewerber in Frage, die einen 16-stündigen Arbeitstag in Kauf nehmen. (…) Die Trennung vom sozialen Umfeld sichert die Kontrolle über die Wertvorstellungen und das Selbstbild der Sektenmitglieder bzw. Politiker bzw. Führungseliten. (…) Wer erst einmal zum Inner Circle gehört, dem erscheinen die Meinungen und Einwände Uneingeweihter unendlich nebensächlich. Von solchen Führungskräften muss man nicht befürchten, dass sie bei ökologisch heiklen, aber ökonomisch vielversprechenden Projekten Solidarität mit den von ihrem Projekt betroffenen Menschen empfinden. Warum sollte jemand, der sich der Macht und des Geldes wegen von der Gesellschaft getrennt hat und in völlig anderen Sphären über ihr schwebt, sich großartig für das Wohl dieser Gesellschaft interessieren oder sich ihren Werten und Gesetzen verpflichtet fühlen?“

verstanden
Es gibt nicht wirklich viel Neues zu verstehen in diesem Essay – die Herren Mehdorn, Edathy, Middelhoff, Hoeneß und wie sie alle heißen, lassen es einen leider jeden Tag wissen.

eingeschätzt
Die Argumentation ist nicht immer stringent und oft schwarz/weiß, dafür aber angemessen wütend. Wem die Weihnachtsstimmung überhand nimmt, der ist hier gut aufgehoben.