Das Zimmer

von Andreas Maier

gelesen
„Mein Onkel lebte nicht gesund, das kann man nicht sagen, allerdings war es damals auch noch nicht so in Mode, gesund zu leben, man durfte sich die eigene Todesart fast noch aussuchen, und es war meistens die eigene Lebensart. … Mein Onkel rauchte zu seinen besten Zeiten drei Päckchen am Tag, wie viele damals. Erst der Filter hatte das massenhafte Zigarettenrauchen möglich gemacht. Er machte alles so leicht. Zum täglichen Lebensbild Deutschlands gehörte dazu, daß das Land dampfte. Und bis heute glaube ich, daß jede dieser Filterzigaretten eine Depression aufhob. Deshalb das Gefühl des Schwebens, das sich einstellt beim Zug an der Filterzigarette.“

verstanden
Ein Stück Provinz in Deutschland im Jahr 1969, einen Außenseiter und warum Ortsumgehungen für den einen verhasst und für den anderen eine Offenbarung sind.

eingeschätzt
Andreas Maier ist ein sehr lesenswerter Heimataktivist – und bleibt es auch über die Romane Das Haus, Die Straße, Der Ort.

Die Frau meines Vaters. Erinnerungen an Ulrike

von Anja Röhl

gelesen
„Das Mädchen liest jetzt auch, was Ulrike in der Zeitung schreibt. Sie versteht nicht alles, aber dass sie für die Menschen und deren Freiheit eintritt, für Gerechtigkeit und gegen Waffen, Gewalt und Krieg, das versteht sie. Sie findet gut, was Ulrike schreibt, weil sie niemandem die Schuld gibt, sondern die Dinge erklärt. Durch Erklären kann man lernen. Wenn man lernt, kann man es besser machen.
Ulrike fragt das Mädchen, immer, wie es ihr geht, was die Schule macht, ob sie nette oder blöde Lehrer hat. Niemand sonst von den Erwachsenen fragt solche Sachen. Sie hört zu, wenn das Mädchen erzählt, hört sich ihre Meinung an. Immer während der Autofahrten. Durch die ganze Stadt müssen sie fahren von Lurup nach Barmbek, und wenn sie ankommen, fühlt sich das Mädchen, als sei sie gewachsen. Mit Ulrike zu sprechen, macht das Mädchen stärker.“

verstanden
Angst, Schuld, Strafe, Gewalt – das sind die Kindheits- und Jugendthemen Anja Röhls und vieler anderer in der frühen und engen Bundesrepublik Deutschland. Nur bekommt Anja Röhl eine Perspektive durch Ulrike, Ulrike Meinhof.

eingeschätzt
So leise sind dunkle Erinnerungen selten zu lesen.

Lassen Sie es mich so sagen …

von Georg Schramm

gelesen
„Stellen Sie sich einen Augenblick vor, wir züchten Idioten. Dann lösen sich eine Menge Widersprüche auf. In keinem anderen Land Europas entscheidet die soziale Herkunft eines Kindes derart über sein späteres Bildungsniveau wie in Deutschland. Allein das ist schon ein Skandal. Aber was bedeutet diese Tatsache in einem Land, in dem die Armut explodiert? Das Land züchtet einen soliden Stamm von schlichten Gemütern. Und den Verbraucherzentralen wird das Geld seit Jahren gekürzt. Auch das keine Fehlentwicklung. Der Pöbel soll gar nicht vergleichen, zögern, nachdenken. Er soll einfach den erstbesten Dreck kaufen, der angeboten wird. Das hat doch eine innere Logik. Mir hat das geholfen. Die Wut wird zwar noch größer, aber die intellektuelle Verwirrung lässt nach.
Wie brauchen Idioten, sonst frisst keiner das Gammelfleisch. Halbwegs vernunftbegabte Schüler würden mit dem Handy nur telefonieren. Das wäre nicht gut für die Wachstumsbranche.“

verstanden
schlicht den Zeitgeist der Republik und mehr

eingeschätzt
Georg Schramm ist der Größte.