Tiere für Fortgeschrittene

von Eva Menasse

gelesen

„Am frühen Abend band er aus weißen Narzissen, Vergissmeinnicht und zwei späten Tulpen einen extravaganten kleinen Strauß und ging hinüber. Die neuen Nachbarn krochen mit verschwitzten Gesichtern im Wintergarten auf dem Fußboden herum, wo sie versuchten, Dielen zu verlegen. Offensichtlich machten sie so etwas zum ersten Mal. Sie sahen erschütternd jung aus, jung und unschuldig, zwar erschöpft und angespannt, aber frei von jeder Bitterkeit. Jakob schien mit einem Mal, das Problem sei nicht das Altern an sich, sondern dass einen die Lebenslektionen verderben, wie Schimmel, den man nicht sieht, nur wittert.”

eingeschätzt

sprachgewaltig – klug – sehr lesenswert, wie auch Vienna und Quasikristalle

www.kiwi-verlag.de

 

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Unschuld

von Jonathan Franzen

gelesen
Ich habe das Wort Paradies immer gehasst. Ich dachte, es wäre bloß so ein blöder Wiedergeburtlerausdruck für tot. Aber jetzt muss ich das überdenken, ein bisschen zumindest. Der Vogel da zum Beispiel -‘
‚Unser Gabelschwanz-Königstyrann.‘
‚Der wirkt vollkommen zufrieden. Ich neige allmählich zu der Ansicht, dass das Paradies nicht ewige Zufriedenheit bedeutet. Es ist doch eher so, als hätte das Gefühl von Zufriedenheit etwas Ewiges an sich. Ein ewiges Leben, so was gibt es doch gar nicht, weil man nie schneller als die Zeit sein wird; wenn man aber zufrieden ist, kann man der Zeit entfliehen, weil die dann keine Rolle spielt. Leuchtet das ein?‘
‚Sehr sogar.‘
‚Also beneide ich die Tiere.‘“

eingeschätzt
„Wie Franzen die Natur, die überwältigende Schönheit dieses Tales mit der Leere des Internets kontrastiert, den alten, traditionellen Journalismus gegen das moralisch aufgeladene Whistleblowing von heute ausspielt, echte Liebe gegen virtuelle und die heillos in moralische Grundsatzkonflikte verwickelte alte Generation gegen die junge, freie, neue, das macht es Franzens Gegnern leicht, diesen Roman zu verspotten.“ (Spiegel, 36/2015). Nicht zu verspotten, aber zu bedauern ist er, denn ähnlich wie in der Der Circle von Dave Eggers fühlt man sich zuweilen wie in einem Dreigroschenroman.  

 


					

Fünf Kopeken

von Sarah Stricker

gelesen
„Drei Dinge hatte mein Großvater im Krieg gelernt … Das Erste war, dass Stillstand den Tod bedeuten kann. Seinem Freund, mit dem zusammen er auf dem Foto im Esszimmer den rechten Arm in die Luft reckte, beide so voller Tatendrang, dass es sie fast aus dem Rahmen riss (der jedoch trotz wiederholter Veilchenkärtchenerinnerungen meine Großmutter ’nicht einmal!‘ zum Essen kam, weil er Kasan nicht ganz so lustig in Erinnerung behalten hatte wie mein Großvater) war ein Zeh abgefroren, als er sich während der Arbeit kurz auf einen Stein gesetzt hatte. Das war meinem Großvater eine Lehre. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich ihn in meiner Kindheit je länger als zehn Minuten habe stillsitzen sehen. Müßiggang war für ihn ein Virus. Er lauerte vor dem Fernseher, in Zeitschriften, in ungemachten Betten, in die man allzu leicht schnell zurückschlüpfen konnte, in Wannen, am meisten in Schwimmbädern. Und wenn man sich so einen Virus erst einmal eingefangen hatte, war es schwer, ihn wieder loszuwerden. Einmal zu lange geblinzelt, und schon erging es einem wie Max, Helm und Gundls Sohn, eigentlich ein lieber Junge, bis man ihn eines Sommers von seinem Ferienjob im Laden entbunden und stattdessen auf eine ‚Jugendfreizeit! Wenn ich so ebbes bloß här! Die junge Leid machen doch ehs ganze Johr nix anneres wie frei‘ geschickt hatte, während der er den Drogen und infolgedessen der Kunst verfiel, schließlich nach Berlin zog und Maler sein wollte, wovon er erst wieder kurierte, als die subventionierte Faulheit zusammen mit der DDR abgeschafft wurde.“

verstanden
Deutschland nach dem Krieg und der Wende und Menschen in Leidenschaft und damit im Krieg

eingeschätzt
unbedingt lesen – großartig