Die Frau meines Vaters. Erinnerungen an Ulrike

von Anja Röhl

gelesen
„Das Mädchen liest jetzt auch, was Ulrike in der Zeitung schreibt. Sie versteht nicht alles, aber dass sie für die Menschen und deren Freiheit eintritt, für Gerechtigkeit und gegen Waffen, Gewalt und Krieg, das versteht sie. Sie findet gut, was Ulrike schreibt, weil sie niemandem die Schuld gibt, sondern die Dinge erklärt. Durch Erklären kann man lernen. Wenn man lernt, kann man es besser machen.
Ulrike fragt das Mädchen, immer, wie es ihr geht, was die Schule macht, ob sie nette oder blöde Lehrer hat. Niemand sonst von den Erwachsenen fragt solche Sachen. Sie hört zu, wenn das Mädchen erzählt, hört sich ihre Meinung an. Immer während der Autofahrten. Durch die ganze Stadt müssen sie fahren von Lurup nach Barmbek, und wenn sie ankommen, fühlt sich das Mädchen, als sei sie gewachsen. Mit Ulrike zu sprechen, macht das Mädchen stärker.“

verstanden
Angst, Schuld, Strafe, Gewalt – das sind die Kindheits- und Jugendthemen Anja Röhls und vieler anderer in der frühen und engen Bundesrepublik Deutschland. Nur bekommt Anja Röhl eine Perspektive durch Ulrike, Ulrike Meinhof.

eingeschätzt
So leise sind dunkle Erinnerungen selten zu lesen.

Titos Brille

von Adriana Altaras

gelesen
„Und jetzt, vierzig Jahre später, ist meine Schwester eine gestandene Kroatin, sitzt nun schon seit zwei Tagen auf dem Teppich des Arbeitszimmers und sammelt intime Reliquien meines Vaters, während ich ihr in meinem gebrochenen Ex-jugoslawisch nicht einmal sein Testament erklären kann. So sieht´s aus in meinem Europa.
Während ich die Unterlagen sortiere, geht gelegentlich die Tür auf, auf der noch das Schild „Oberarzt für Radiologie“ klebt, und diverse Frauen kommen vorsichtig herein. Sie schauen mich an, setzen sich dann zögernd auf die Ledercouch der Arztzimmer-Garnitur. Ich lehne mich an den Schreibtisch, verschränke die Arme, warte. Dann bricht es aus der Ersten heraus: Sie war die Geliebte meines Vaters. Ihr Make-up ist von Tränen verschmiert, ich reiche ihr ein Taschentuch. Die Zweite, lange, blonde Haare, ist ungefähr in meinem Alter. Sie hält sich für die Einzige, schwärmt von meinem Vater: „Ein wunderbarer Mann.“ Bei der Dritten hat mich eine gewisse Routine eingeholt. Ich nicke ihr beruhigend zu und biete ihr einen Espresso an. Meine Schwester lächelt wissend, verschlagen. Ich hatte schon immer den Verdacht, dass sie weitaus mehr Deutsch versteht, als sie zugibt. Sie raucht seelenruhig weiter, nippt an ihrer Kaffeetasse. Ich habe sie einmal in Zagreb an ihrem Arbeitsplatz in der Rentenanstalt besucht: Sie saß dort in einem kleinen, chaotischen Büro zwischen Stapeln von Akten, geordnet nach einem System, das nur sie kannte. Sie saß und rauchte. Es ist ihr offenbar relativ gleichgültig, in welchem Teil Europas sie in einem Büro sitzt und raucht.“

verstanden
„Humor ist eine Flucht vor der Verzweiflung, ein knappes Entkommen in den Glauben.“ (C. Fry): Bei Adriana Altaras ist der Humor ein Entkommen in den Glauben an ein Überleben, an ein jüdisches Überleben und Gestalter eines einnehmenden Familienbildes

eingeschätzt
keine hohe Literatur, aber ein ganz besonderes, lesenswertes Stück jüdischer Literatur