Warum die Sache schiefgeht

von Karen Duve

gelesen
„Man muss keine antisoziale Persönlichkeitsstörung haben, um Manager (oder Politiker) zu werden, aber es hat gewisse Vorteile. Für Top-Positionen kommen nämlich nur Bewerber in Frage, die einen 16-stündigen Arbeitstag in Kauf nehmen. (…) Die Trennung vom sozialen Umfeld sichert die Kontrolle über die Wertvorstellungen und das Selbstbild der Sektenmitglieder bzw. Politiker bzw. Führungseliten. (…) Wer erst einmal zum Inner Circle gehört, dem erscheinen die Meinungen und Einwände Uneingeweihter unendlich nebensächlich. Von solchen Führungskräften muss man nicht befürchten, dass sie bei ökologisch heiklen, aber ökonomisch vielversprechenden Projekten Solidarität mit den von ihrem Projekt betroffenen Menschen empfinden. Warum sollte jemand, der sich der Macht und des Geldes wegen von der Gesellschaft getrennt hat und in völlig anderen Sphären über ihr schwebt, sich großartig für das Wohl dieser Gesellschaft interessieren oder sich ihren Werten und Gesetzen verpflichtet fühlen?“

verstanden
Es gibt nicht wirklich viel Neues zu verstehen in diesem Essay – die Herren Mehdorn, Edathy, Middelhoff, Hoeneß und wie sie alle heißen, lassen es einen leider jeden Tag wissen.

eingeschätzt
Die Argumentation ist nicht immer stringent und oft schwarz/weiß, dafür aber angemessen wütend. Wem die Weihnachtsstimmung überhand nimmt, der ist hier gut aufgehoben.

Buntschatten und Fledermäuse

von Axel Brauns

gelesen
„Klaren Kopfes verschwand ich im Kinderzimmer und nahm Platz. In der Vertrautheit meiner vier Wände zählte ich an fünf Fingern ab, was meine Vormittage ausfüllte: Einmal die Woche besuchte ich, immer noch, die Beseefrau ohne Besees, zweimal in der Woche musste ich in den Kindergarten und zweimal in der Woche zur Knieheilung. Wegen all dieser Ausflüge vernachlässigte ich bereits meine Sandkiste und meine Freunde im Hofhaus. (…) Aufgeräumt spazierte ich in die Küche und trug der Haha meine Entscheidung vor:
„Ich gehe nicht zur Schule.“ Für einen Lidschlag war die Haha sprachlos. Dann flatterten Fledermausworte auf mich herab: „Du gehst zur Schule.“ „Ich möchte aber nicht.“ „Alle Kinder kommen in die Schule.“ „Ich bin nicht alle Kinder.“ „Du wirst wie alle Kinder eingeschult.“ Ich fasste meine Kinderzimmergedanken versöhnlich zusammen: „Am Sonntag hätte ich noch Zeit.“ Die Haha unterbrach den Abwasch. „Kein Wort mehr!“
Verblüfft von der Hahahärte, tapste ich von dannen. Für die Schule fehlte mir die Zeit und trotzdem wollte mich die Haha dort hinschicken. Es bestand kein Zweifel: Bei meiner Mutter war eine Schraube locker.“

verstanden
Was Anderssein, Einsamsein und Fremdsein wirklich heißt, hat selten jemand so nachdrücklich wie der Autist Axel Brauns beschrieben und dabei – ganz beiläufig – die gesellschaftliche Normalität entlarvt.

eingeschätzt
beeindruckend, komisch und rührend und nicht nur für die, die mit der Modediagnose Autismus zu tun haben