Haus ohne Halt

von Marilynne Robinson

gelesen

„Meine Großmutter scheint nicht erwogen zu haben, von hier wegzugehen. Sie hatte ihr ganzes Leben in Fingerbone gewohnt. Und obwohl sie nie davon sprach – und ohne Zweifel selten daran dachte –, war sie eine fromme Frau. Das heißt, sie verstand das Leben als einen Weg, auf dem man sich fortbewegte, einen verhältnimäßg leichten Weg durch ein weites Land, und das Ziel war von Anfang da, in einer vorbestimmten Entfernung, es stand im gewohnten Licht vor einem wie ein einfaches Haus, in das man eintrat und in dem man von ehrenwerten Menschen begrüßt und in ein Zimmer geführt wurde, in dem alles, was man je verloren oder verlegt hatte, beisammen war und auf einen wartete. Sie ging von der Vorstellung aus, dass sie und mein Großvater sich eines Tages wiederbegegnen und ihr Leben weiterführen würden, ohne die Sorgen ums Geld, in einem milderen Klima. Sie hoffte, bis dahin würde er von irgendwoher ein wenig mehr Beständigkeit und Vernunft angenommen haben.“

eingeschätzt

Ein großartiger Roman voll Melancholie, Sprachgewalt, abwesender Männer und starker Frauen.

www.editionfuenf.de

Cold Spring Harbor

von Richard Yates

gelesen
„Von Anfang an war in diesem künstlichen Haushalt das Abendessen das beklemmendste Ereignis des Tages. Bevor sie sich setzten, stellte Rachel stets einen kleinen elektrischen Ventilator auf den Tisch, da es für Juni ungewöhnlich heiß und windstill war, doch die vergitterten, surrenden, sich langsam drehenden Flügel bliesen nur schwache neue Wärmewellen zwischen das Geschirr.
»Ach, ist das nicht schön«, sagte Gloria oft am Beginn des Essens, und wenn Phil sie zufällig anblickte, konnte er jedes Mal sehen, wie sehr sie sich davor fürchtete, dass an diesem Abend wieder mal nur ihre eigene Stimme am Tisch zu hören sein würde. Zweimal in der ersten Woche verschlimmerte sie noch das allgemeine Unbehagen, indem sie mit wehleidiger Stimme sagte: »Tja; ich dachte immer, beim Abendessen unterhält man sich.« Und nicht einmal ihr Sohn brachte es fertig, sie danach anzusehen.”

eingeschätzt
Der Roman ist so schön wie ein Gemälde von Edward Hopper: Im ‚Land der unbegrenzten Möglichkeiten‘ stehen sich die Verlierer der Gesellschaft sprachlos gegenüber.

www.randomhouse.de

 

Stoner

von John Williams

gelesen
„Er hatte keine Freunde, und zum ersten Mal in seinem Leben wurde er sich seiner Einsamkeit bewusst. Manchmal sah er abends in seiner Dachkammer von dem Buch auf, in dem er las, und blickte in die dunklen Winkel des Zimmers, dorthin, wo Lampenlicht und Schatten spielte. Starrte er nur lange und intensiv genug, verdichtete sich das Dunkel zu einem Licht, das die flüchtigen Konturen dessen annahm, was er gerade gelesen hatte. Er konnte spüren, dass er außerhalb der Zeit existierte, und fühlte sich wie an jenem Tag im Seminar, an dem Archer Sloane mit ihm gesprochen hatte. Die Vergangenheit schälte sich aus dem Dunkel, in dem sie blieb, und die Toten erhoben sich, um vor ihm zum Leben zu erwachen; beide, die Vergangenheit und die Toten, mischten sich in die Gegenwart und unter die Lebenden, wodurch Stoner einen intensiven Moment lang eine Vision von Dichtigkeit überkam, in die er fest eingefügt war und der er nicht entkommen konnte, der er auch gar nicht entkommen wollte. Vor ihm gingen Tristan und Isolde die schoene Minne; Paolo und Francesca wirbelten durch die glühende Dämmerung; Helena und der strahlende Paris traten aus dem Zwielicht, die Mienen bitter angesichts der Folgen ihres Tuns. Und er war auf eine Weise bei ihnen, wie er nie bei seinen Mitmenschen sein konnte, die von Seminar zu Seminar eilten, ihre Heimstatt in einer großen Universität Columbias fanden und unbekümmert im tiefsten Missouri lebten.“

verstanden
Diese Romanfigur William Stoner ist ein willkommener Kontrast zum „unternehmerischen Selbst“ des 21. Jahrhunderts – Stille und Passivität werden hier anmutig in Szene gesetzt.

eingeschätzt
moderner Klassiker