Was ich sonst noch verpasst habe

von Lucia Berlin

gelesen
„Sie hatte keine Ahnung, was ihr noch bevorstand …
In der tiefen, dunklen Nacht der Seele sind die Spirituosenläden und die Bars geschlossen. Sie griff unter die Matratze; die Viertelliterflasche Wodka war leer. Sie stieg aus dem Bett, richtete sich auf. Sie zitterte so stark, dass sie sich auf den Boden setzen musste. Sie hyperventilierte. Ohne einen Drink würde sie Delirium tremens oder einen Krampfanfall bekommen. …
Sie keuchte und war fast ohnmächtig, als sie zum Uptown-Laden in der Shattuck kam. Er hatte noch nicht geöffnet. Sieben Schwarze standen am Straßenrand, lauter alte Männer bis auf einen Jungen. Der Indianer saß drinnen im Laden am Fenster, ohne von ihnen Notiz zu nehmen, und trank Kaffee. Auf dem Gehweg teilten sich zwei Männer eine Flasche Nyquil-Hustensaft. Blauer Tod, den konnte man die ganze Nacht über kaufen.

eingeschätzt
Lucia Berlin nimmt sehr gekonnt Notiz – von Krankenschwestern, Putzfrauen, alkoholkranken Müttern – und zeigt die Schattenseite des amerikanischen Traums.

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Cold Spring Harbor

von Richard Yates

gelesen
„Von Anfang an war in diesem künstlichen Haushalt das Abendessen das beklemmendste Ereignis des Tages. Bevor sie sich setzten, stellte Rachel stets einen kleinen elektrischen Ventilator auf den Tisch, da es für Juni ungewöhnlich heiß und windstill war, doch die vergitterten, surrenden, sich langsam drehenden Flügel bliesen nur schwache neue Wärmewellen zwischen das Geschirr.
»Ach, ist das nicht schön«, sagte Gloria oft am Beginn des Essens, und wenn Phil sie zufällig anblickte, konnte er jedes Mal sehen, wie sehr sie sich davor fürchtete, dass an diesem Abend wieder mal nur ihre eigene Stimme am Tisch zu hören sein würde. Zweimal in der ersten Woche verschlimmerte sie noch das allgemeine Unbehagen, indem sie mit wehleidiger Stimme sagte: »Tja; ich dachte immer, beim Abendessen unterhält man sich.« Und nicht einmal ihr Sohn brachte es fertig, sie danach anzusehen.”

eingeschätzt
Der Roman ist so schön wie ein Gemälde von Edward Hopper: Im ‚Land der unbegrenzten Möglichkeiten‘ stehen sich die Verlierer der Gesellschaft sprachlos gegenüber.

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