Ein grundzufriedener Mann

von Richard Russo

gelesen

„Der freie Wille – viel diskutiert in der Philosophiestunde und eins der ersten Dinge, die verschwunden waren. Der Lehrer, der Sully so unglaublich jung erschienen war, hatte ihn mit der Behauptung überrascht, dass so etwas wie eine Wahl nicht existiere, der freie Wille des Menschen pure Illusion sei. (…) er wünschte sich, den Lehrer jetzt hier zu haben, damit er ihm erklären konnte, warum es hier keine Wahl geben sollte. Vielleicht würde er es schaffen, indem er die Existenz des Pick-ups widerlegte. Für Sully hingegen sah es ganz nach einer Wahl aus. Und zwar nach seiner verdammten Wahl.

Er kletterte ins Führerhaus, ließ den Wagen an, legte den Gang ein, löste die Bremse, holte tief Luft und trat aufs Gas. Er hätte ja aufhören können, als er hörte und spürte, wie die Räder im Schlamm durchdrehten, aber er machte stur weiter – ließ den Motor aufheulen und drückte das Gaspedal durch. Plötzlich war seine monatelang unterdrückte Wut hervorgekommen, das hohe, anhaltende Kreischen des Motors schien fast sein eigener Schrei zu sein, und die Hinterräder des Wagens ließen den Schlamm bis zu Carl Roebucks halbfertigen Haus spritzen. Dann begann der Pick-up so heftig zu zittern, dass Sully kaum das Lenkrad halten konnte, schließlich gab der Motor zwei heftige Schluchzer von sich, erschauerte noch einmal und erstarb. Auch gut.“

eingeschätzt

Sully ist ein ganz Großer, der es immer wissen will, jeden Kampf auf sich nimmt und den Leser in eine Zeit entführt, in der Selbstoptimierung noch ein Fremdwort war.

www.dumont-buchverlag.de


 

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Der Ort

von Andreas Maier

gelesen
„Alles war von mir genommen, ich hatte keinerlei Fragen, es gab keine Notwendigkeiten, etwas hatte sich plötzlich aufgelöst. Im Zentrum dieser Empfindung stand übrigens zunächst gar nicht Katja Melchior, sie stand ja nur schräg an mir, aber durch ihre Schulter, ihr Schulterblatt und ihre Hand erfolgte in diesem Moment die vielleicht größte Operation, die man seit meiner Geburt an mir vorgenommen hatte. Das Gefühl, das mich durchströmte und von Katja ausging, fühlte sich an wie eine komplette Ruhe. Dieses Gefühl war für mich völlig neu. Als drehe man den Ton weg, und alles wird still.“

eingeschätzt
Die Ortsumgehung, die erste Liebe, die Betrachtung einer Unterhose und schließlich das Finale in einem Bierzelt mit Helmut Kohl – das alles steckt im vierten und großartigen Band der Familien- und Heimat-Saga von Andreas Maier.

vorgelesen
… wird ein Auszug des Romans am 14.05.2016 um 13.00 Uhr im Kleinen Zelt auf dem
42. OPEN OHR Festival.

www.suhrkamp.de