Raumpatrouille

von Matthias Brandt

gelesen
„Nach dem Spiel hatten mich Holger und dessen Vater mitgenommen. Seit Wochen hatte ich mich darauf gefreut, dort zu übernachten. (…) Alles und jeder schien seinen festen Ablauf und Platz zu haben und wie bei der Märklinbahn in überlegt vorgegebenen Spuren zu laufen, ohne jegliche Gefahr der Abweichung oder des Zusammenstoßes. Es hatte auf mich den Eindruck gemacht, als würde hier eine Handlung, nachdem sie erprobt und für gut befunden worden war, von da an auf immer die gleiche Weise ausgeführt. Fragen, die sich mir täglich stellten und deren Beantwortung einen Großteil meiner Zeit beanspruchte, schien es hier gar nicht zu geben.
Auf ein für mich unsichtbares Zeichen hin, vielleicht zur immer gleichen Uhrzeit, waren zum Beispiel alle Mitglieder der Familie in ihren Zimmern verschwunden, um sich einige Minuten später in verschiedenen Varianten von Freizeitkleidung zum Fernsehschauen im Wohnzimmer einzufinden.”

eingeschätzt
Wunderbare, bescheiden erzählte Geschichten und eine Zeitreise zu Abenden mit Petersilienröschen und Fürst-Pückler-Eis

www.kiwi-verlag.de


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Gräser der Nacht

von Patrick Modiano

gelesen
„Auch mich überfällt ein seltsames Empfinden bei dem Gedanken an diese Lampen, die wir vergessen haben auszuknipsen, und an diese Orte, wo wir nie wieder hingekommen sind … Es war nicht unsre Schuld. Jedesmal mussten wir schnell weg, und auf Zehenspitzen. Ich bin sicher, in dem Landhaus haben wir irgendwo ein Licht brennen lassen. Und wenn ich allein verantwortlich wäre für diese Unachtsamkeit oder dieses Vergessen? Heute bin ich überzeugt, dass es weder Vergessen war noch Unachtsamkeit, sondern dass ich im Moment des Aufbruchs immer absichtlich eine Lampe anknipste. Vielleicht aus Aberglaube, um Unglück abzuwenden, und vor allem, damit eine Spur zurückblieb von uns, ein Zeichen, das besagen sollte, wir seien nicht wirklich fort und wir kämen irgendwann wieder.”

eingeschätzt
Licht und Schatten, Glück und Trauer, Traum und Wirklichkeit, Erinnern und Vergessen – das alles passt auf diese knapp zweihundert Seiten und selten ist Melancholie schöner.

www.hanser-literaturverlage.de