Ein grundzufriedener Mann

von Richard Russo

gelesen

„Der freie Wille – viel diskutiert in der Philosophiestunde und eins der ersten Dinge, die verschwunden waren. Der Lehrer, der Sully so unglaublich jung erschienen war, hatte ihn mit der Behauptung überrascht, dass so etwas wie eine Wahl nicht existiere, der freie Wille des Menschen pure Illusion sei. (…) er wünschte sich, den Lehrer jetzt hier zu haben, damit er ihm erklären konnte, warum es hier keine Wahl geben sollte. Vielleicht würde er es schaffen, indem er die Existenz des Pick-ups widerlegte. Für Sully hingegen sah es ganz nach einer Wahl aus. Und zwar nach seiner verdammten Wahl.

Er kletterte ins Führerhaus, ließ den Wagen an, legte den Gang ein, löste die Bremse, holte tief Luft und trat aufs Gas. Er hätte ja aufhören können, als er hörte und spürte, wie die Räder im Schlamm durchdrehten, aber er machte stur weiter – ließ den Motor aufheulen und drückte das Gaspedal durch. Plötzlich war seine monatelang unterdrückte Wut hervorgekommen, das hohe, anhaltende Kreischen des Motors schien fast sein eigener Schrei zu sein, und die Hinterräder des Wagens ließen den Schlamm bis zu Carl Roebucks halbfertigen Haus spritzen. Dann begann der Pick-up so heftig zu zittern, dass Sully kaum das Lenkrad halten konnte, schließlich gab der Motor zwei heftige Schluchzer von sich, erschauerte noch einmal und erstarb. Auch gut.“

eingeschätzt

Sully ist ein ganz Großer, der es immer wissen will, jeden Kampf auf sich nimmt und den Leser in eine Zeit entführt, in der Selbstoptimierung noch ein Fremdwort war.

www.dumont-buchverlag.de


 

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Brief in die Auberginenrepublik

von Abbas Khider

gelesen

„Nachdenklich sitze ich auf seinem Stuhl am Schreibtisch und betrachte das Zimmer, das für mich immer eine Kammer voller Geheimnisse war. Eigentlich gibt es hier nichts Ungewöhnliches. Mit Ausnahme vielleicht der Fotos an der Wand. Ahmed, hier mit Präsident Saddam, da mit seinem Onkel Murad, dort mit seinem Vater. Alle vier zusammen auf einem Bild. Oder vielleicht dieses neue Gerät, der Computer? Ich weiß nicht, wie und wofür man diesen Kasten benutzt. Ahmed erzählte mir, er sei wichtig für seine Arbeit. Meine kleine Schwester Nawal, die seit einem Jahr die Universität Arbed in Jordanien besucht, sagte mir vor einiger Zeit am Telefon: ‚Im Irak sind solche Geräte verboten. Na ja, alles ist bei uns verboten, auch Satellitenfernsehen und etwas, das man Internet nennt. Im Internet kann man blitzschnell elektronische Briefe verschicken! In ein paar Wochen beginnt das 21. Jahrhundert, und bei uns ist alles verboten …’
Weniger als ‚das 21. Jahrhundert’ blieb mir das Wort ‚blitzschnell’ im Kopf. Während ich den Brief ansehe, denke ich an dessen Verfasser, der seit zwei Jahren erfolglos versucht, seine Freundin zu erreichen. Ein eigenartiges Gefühl breitet sich in mir aus, seit ich den Brief gelesen habe. Plötzlich entsteigen aus ein paar Briefzeilen Menschen, die mir eben noch unbekannt waren, über die ich jetzt aber mehr erfahren möchte, wer sie sind, und was das alles hier bedeuten soll.”

eingeschätzt
Weit entfernt vom elektronischen Netzwerk wird hier die Geschichte eines Briefes erzählt, der ein Netzwerk von illegalen Briefboten durchläuft von Libyen über Ägypten nach Jordanien und schließlich in den Irak. Eine wunderschöne Geschichte.

www.edition-nautilus.de

Ehre

von Elif Shafak

gelesen 

„Meine Mutter starb zwei Mal. Ich habe mir geschworen, ihre Geschichte nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, habe aber nie die Zeit oder den Willen oder den Mut aufgebracht, sie niederzuschreiben. Bis vor Kurzem. Ich glaube nicht, dass jemals eine echte Schriftstellerin aus mir wird, aber das ist in Ordnung. Ich bin jetzt in einem Alter, in dem ich meine Grenzen und Fehler besser akzeptieren kann. Aber ich musste die Geschichte erzählen, und sei es nur einem einzigen Menschen. Ich musste sie in die Welt hinausschicken, damit sie losgelöst von uns frei davonschweben konnte. Diese Freiheit war ich Mum schuldig. Und ich musste noch dieses Jahr fertig werden, noch vor seiner Entlassung aus dem Gefängnis.”

eingeschätzt

Fesselnde Chronik eines Ehrenmordes – die Anflüge von Kitsch sind zu verzeihen

www.keinundaber.ch