Traurigkeit, die jeder kennt

von Erich Kästner

Man weiß von vornherein, wie es verläuft.
Vor morgen früh wird man bestimmt nicht munter.
Und wenn man sich auch noch so sehr besäuft,
die Bitterkeit, die spült man nicht hinunter.

Die Trauer kommt und geht ganz ohne Grund.
Und man ist angefüllt mit nichts als Leere.
Man ist nicht krank. Und ist auch nicht gesund.
Es ist, als ob die Seele unwohl wäre.

Man will allein sein. Und auch wieder nicht.
Man hebt die Hand und möchte sich verprügeln.
Vorm Spiegel denkt man: „Das ist dein Gesicht?”
Ach, solche Falten kann kein Schneider bügeln!

Vielleicht hat man sich das Gemüt verrenkt?
Die Sterne ähneln plötzlich Sommersprossen.
Man ist nicht krank. Man fühlt sich nur gekränkt.
Und hält, was es auch sei, für ausgeschlossen.

Man möchte fort und findet kein Versteck.
Es wäre denn, man ließe sich begraben.
Wohin man blickt entsteht ein dunkler Fleck.
Man möchte tot sein. Oder Urlaub haben.

Man weiß, die Trauer ist sehr bald behoben.
Sie schwand noch jedesmal, so oft sie kam.
Mal ist man unten, und mal ist man oben.
Die Seelen werden immer wieder zahm.

Der eine nickt und sagt: „So ist das Leben.”
Der andre schüttelt seinen Kopf und weint.
Die Welt ist rund, und wir sind schlank daneben.
Ist das ein Trost? So war es nicht gemeint.

 

 

 

 

Spruch in der Silvesternacht

von Erich Kästner
Gastbeitrag von S. T.

Man soll das Jahr nicht mit Programmen
beladen wie ein krankes Pferd.
Wenn man es allzu sehr beschwert,
bricht es zu guter Letzt zusammen.

Je üppiger die Pläne blühen,
um so verzwickter wird die Tat.
Man nimmt sich vor, sich zu bemühen,
und schließlich hat man den Salat!

Es nützt nicht viel, sich rotzuschämen.
Es nützt nichts, und es schadet bloß,
sich tausend Dinge vorzunehmen.
Lasst das Programm! Und bessert euch drauflos!


Heimat als Utopie

von Bernhard Schlink

gelesen
„The place of Heimat – ich habe ihn in unserer Zeit und Welt gesucht, in unserer heutigen Lebenswelt und am Ende auch in unserer Welt des Rechts. Manchmal heißt es, es habe vor unserer Zeit andere Zeiten gegeben, in denen die Orte des Lebens unverrückbar waren und Gemeinschaft und Zugehörigkeit, Anerkennung und Schutz sich von selbst verstanden. Ich glaube es nicht; die Erfahrung, in dieser Welt, aber nicht von dieser Welt zu sein, ist so alt wie das Christentum, und die Erfahrung von Heimatverlust, Heimatsuche und Heimatlosigkeit so alt wie das Judentum. Aber selbst wenn die unverrückbare und selbstverständliche Heimat der Vergangenheit keine Projektion, sondern historischer Befund ist – sie ist unwiederbringlich.“

verstanden
Heimatort, Heimatstadt, Heimatland, andere Heimat, innere Heimat, fremde Heimat, Wahlheimat, zweite Heimat, digitale Heimat, Heimathafen, Heimspiel, Heimvorteil, Heimatkunde, Heimatschutz, Heimatstolz, Heimatliebe, Heimatverbundenheit, Heimatlosigkeit, Heimweh, Heimkehr, heimfinden, Heimatgefühl

eingeschätzt
kurzes, wirkungsvolles Essay

 

Cocktails

von Pamela Moore

gelesen
„Die Eisentabletten halfen Courtney kein bisschen, und während die Wochen vergingen und die Sommerferien näher kamen, wurde ihr übertriebenes Schlafbedürfnis immer schlimmer. Doktor Reismann hatte bereits gewusst, dass die Tabletten nicht helfen würden. Noch am selben Abend hatte er beim Abendessen zu seiner Frau gesagt: ‚Warum soll das Kind nicht schlafen, wenn es doch nichts hat, wofür sich das Wachsein lohnt?'“

verstanden
Ein Leben zwischen Cocktails und Dinnereinladungen produziert hier Langeweile und keine Melancholie – die Figur Courtney bleibt schwach und oberflächlich.

eingeschätzt
Nicht jede Wiederentdeckung lohnt sich und nicht jeder Vergleich mit Der Fänger im Roggen ist gerechtfertigt!