Oben ist es still

von Gerbrand Bakker

Am Anfang
„Ich habe Vater nach oben geschafft. Nachdem ich ihn auf einen Stuhl gesetzt hatte, habe ich das Bett zerlegt. Wie er auf dem Stuhl saß, erinnerte er an ein wenige Minuten altes Kalb, noch bevor es saubergeleckt ist; mit unkontrolliert wackelndem Kopf und einem Blick, der nichts festhält. Ich habe die Wolldecken, Betttücher und die Moltondecke von der Matratze gezerrt, die Matratze und die Bodenbretter hochkant an die Wand gelehnt und Kopf- und Fußteil von den Seitenteilen abgeschraubt. Dabei versuchte ich möglichst durch den Mund zu atmen. Das Zimmer oben – mein Zimmer – hatte ich schon leergeräumt.
»Was machst du?« fragte er.
»Du ziehst um«, sagte ich.
»Ich will hierbleiben.«
»Nein.«“

Am Ende
… ist der Ich-Erzähler allein und befreit und der Leser betrübt, weil er diese kleine große Welt verlassen muss. Ein phantastisches Buch.

www.suhrkamp.de

Fräulein Nettes kurzer Sommer

von Karen Duve

Am Anfang
„Annette von Droste-Hülshoff war eine Nervensäge. Schon ihre Geburt hatte den Eltern Kummer bereitet. An einem klirrend kalten Januarmorgen des Jahres 1797 war ihre schwangere Mutter, Therese von Droste-Hülshoff – eine Autorität in Anstandsfragen, die normalerweise jedes auffällige Benehmen, dieses bürgerliche Verhalten, wie den Tod scheute –, auf die fixe Idee gekommen, ganz allein auf dem zugefrorenen Burggraben einmal rund um das Hülshoff’sche Wasserschloss zu schliddern, und prompt gestürzt. Mit hochrotem Kopf nach allen Seiten äugend, ob jemand das peinliche Missgeschick beobachtet haben könnte, rappelte sie sich wieder auf, klopfte sich den Schnee vom Rock und verfügte sich beschämt in ihre Gemächer. Kurz darauf setzten die Wehen ein, zwei Monate zu früh, und Therese gebar ein winziges, kümmerliches Geschöpf mit noch winzigeren Händchen, die Finger wie Spatzenkrallen und die Nägel daran kaum wahrnehmbare Häutchen. Man hatte auf einen Sohn gehofft. Eine Tochter – Jenny – gab es ja bereits, wozu also noch eine?”

Am Ende
Man bleibt zurück mit dem Gefühl, den komischsten und erhellendsten historischen Roman überhaupt gelesen zu haben. Eine furiose neue Geschichtsschreibung aus der Perspektive einer Frau.

www.kiwi-verlag.de/

The Art of Possibility

von Benjamin Zander & Rosamund Stone Zander

Am Anfang
„A shoe factory sends two marketing scouts to a region of Africa to study the prospects of expanding business. One sends back a telegram saying,

Situation hopeless STOP No one wears shoes

The other writes back triumphantly,

Glorious business opportunity STOP They have no shoes

To the marketing expert who sees no shoes, all the evidence points to hopelessness. To his colleague, the same conditions point to abundance and possibility. Each scout comes to the scene with his own perspective; each returns telling a different tale. Indeed, all of life comes to us in narrative form; it´s a story we tell.“

Am Ende
Kein Lifestyle-Ratgeber, sondern ein Buch des Dirigenten Benjamin Zander und der Psychotherapeutin Rosamund Stone Zander, das einen nicht nur lehrt, leidenschaftlich zu kommunizieren, sondern auch, sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen (Rule No. 6) und mehr klassische Musik zu hören.

www.penguin.co.uk

H wie Habicht

von Helen Macdonald

Am Anfang
„Fünfundvierzig Autominuten nordöstlich von Cambridge beginnt eine Landschaft, die mir im Laufe der Zeit sehr ans Herz gewachsen ist. Dort geht feuchtes Moor in ausgedörrten Sand über. Es ist ein Land der knorrigen Kiefern, der ausgebrannten Autos, der kugeldurchlöcherten Straßenschilder und der US-Air-Force-Stützpunkte. Es herrscht eine nahezu gespenstische Atmosphäre. In den nummerierten Häuserblocks der Kiefernforstbetriebe verfallen die Gebäude. Hinter dreieinhalb Meter hohen Zäunen gibt es inmitten grasbewachsener Hügelgräber Stellflächen für atomare Luftwaffen, Tätowierstudios und Golfplätze der Air Force. Im Frühling setzt hier ein Lärmchaos ein: ununterbrochener Flugverkehr, Schüsse aus Druckluftgewehren über Erbsenfeldern, rufende Heidelerchen und dröhnende Düsentriebwerke.“

Am Ende
Man bleibt tief beeindruckt zurück – ein großartiges Buch über den Verlust eines geliebten Menschen und … die Falknerei.

www.ullstein-taschenbuch.de