Raumpatrouille

von Matthias Brandt

gelesen
„Nach dem Spiel hatten mich Holger und dessen Vater mitgenommen. Seit Wochen hatte ich mich darauf gefreut, dort zu übernachten. (…) Alles und jeder schien seinen festen Ablauf und Platz zu haben und wie bei der Märklinbahn in überlegt vorgegebenen Spuren zu laufen, ohne jegliche Gefahr der Abweichung oder des Zusammenstoßes. Es hatte auf mich den Eindruck gemacht, als würde hier eine Handlung, nachdem sie erprobt und für gut befunden worden war, von da an auf immer die gleiche Weise ausgeführt. Fragen, die sich mir täglich stellten und deren Beantwortung einen Großteil meiner Zeit beanspruchte, schien es hier gar nicht zu geben.
Auf ein für mich unsichtbares Zeichen hin, vielleicht zur immer gleichen Uhrzeit, waren zum Beispiel alle Mitglieder der Familie in ihren Zimmern verschwunden, um sich einige Minuten später in verschiedenen Varianten von Freizeitkleidung zum Fernsehschauen im Wohnzimmer einzufinden.”

eingeschätzt
Wunderbare, bescheiden erzählte Geschichten und eine Zeitreise zu Abenden mit Petersilienröschen und Fürst-Pückler-Eis

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Tiere für Fortgeschrittene

von Eva Menasse

gelesen

„Am frühen Abend band er aus weißen Narzissen, Vergissmeinnicht und zwei späten Tulpen einen extravaganten kleinen Strauß und ging hinüber. Die neuen Nachbarn krochen mit verschwitzten Gesichtern im Wintergarten auf dem Fußboden herum, wo sie versuchten, Dielen zu verlegen. Offensichtlich machten sie so etwas zum ersten Mal. Sie sahen erschütternd jung aus, jung und unschuldig, zwar erschöpft und angespannt, aber frei von jeder Bitterkeit. Jakob schien mit einem Mal, das Problem sei nicht das Altern an sich, sondern dass einen die Lebenslektionen verderben, wie Schimmel, den man nicht sieht, nur wittert.”

eingeschätzt

sprachgewaltig – klug – sehr lesenswert, wie auch Vienna und Quasikristalle

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Ein grundzufriedener Mann

von Richard Russo

gelesen

„Der freie Wille – viel diskutiert in der Philosophiestunde und eins der ersten Dinge, die verschwunden waren. Der Lehrer, der Sully so unglaublich jung erschienen war, hatte ihn mit der Behauptung überrascht, dass so etwas wie eine Wahl nicht existiere, der freie Wille des Menschen pure Illusion sei. (…) er wünschte sich, den Lehrer jetzt hier zu haben, damit er ihm erklären konnte, warum es hier keine Wahl geben sollte. Vielleicht würde er es schaffen, indem er die Existenz des Pick-ups widerlegte. Für Sully hingegen sah es ganz nach einer Wahl aus. Und zwar nach seiner verdammten Wahl.

Er kletterte ins Führerhaus, ließ den Wagen an, legte den Gang ein, löste die Bremse, holte tief Luft und trat aufs Gas. Er hätte ja aufhören können, als er hörte und spürte, wie die Räder im Schlamm durchdrehten, aber er machte stur weiter – ließ den Motor aufheulen und drückte das Gaspedal durch. Plötzlich war seine monatelang unterdrückte Wut hervorgekommen, das hohe, anhaltende Kreischen des Motors schien fast sein eigener Schrei zu sein, und die Hinterräder des Wagens ließen den Schlamm bis zu Carl Roebucks halbfertigen Haus spritzen. Dann begann der Pick-up so heftig zu zittern, dass Sully kaum das Lenkrad halten konnte, schließlich gab der Motor zwei heftige Schluchzer von sich, erschauerte noch einmal und erstarb. Auch gut.“

eingeschätzt

Sully ist ein ganz Großer, der es immer wissen will, jeden Kampf auf sich nimmt und den Leser in eine Zeit entführt, in der Selbstoptimierung noch ein Fremdwort war.

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