Tiere für Fortgeschrittene

von Eva Menasse

gelesen

„Am frühen Abend band er aus weißen Narzissen, Vergissmeinnicht und zwei späten Tulpen einen extravaganten kleinen Strauß und ging hinüber. Die neuen Nachbarn krochen mit verschwitzten Gesichtern im Wintergarten auf dem Fußboden herum, wo sie versuchten, Dielen zu verlegen. Offensichtlich machten sie so etwas zum ersten Mal. Sie sahen erschütternd jung aus, jung und unschuldig, zwar erschöpft und angespannt, aber frei von jeder Bitterkeit. Jakob schien mit einem Mal, das Problem sei nicht das Altern an sich, sondern dass einen die Lebenslektionen verderben, wie Schimmel, den man nicht sieht, nur wittert.”

eingeschätzt

sprachgewaltig – klug – sehr lesenswert, wie auch Vienna und Quasikristalle

www.kiwi-verlag.de

 

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Ein grundzufriedener Mann

von Richard Russo

gelesen

„Der freie Wille – viel diskutiert in der Philosophiestunde und eins der ersten Dinge, die verschwunden waren. Der Lehrer, der Sully so unglaublich jung erschienen war, hatte ihn mit der Behauptung überrascht, dass so etwas wie eine Wahl nicht existiere, der freie Wille des Menschen pure Illusion sei. (…) er wünschte sich, den Lehrer jetzt hier zu haben, damit er ihm erklären konnte, warum es hier keine Wahl geben sollte. Vielleicht würde er es schaffen, indem er die Existenz des Pick-ups widerlegte. Für Sully hingegen sah es ganz nach einer Wahl aus. Und zwar nach seiner verdammten Wahl.

Er kletterte ins Führerhaus, ließ den Wagen an, legte den Gang ein, löste die Bremse, holte tief Luft und trat aufs Gas. Er hätte ja aufhören können, als er hörte und spürte, wie die Räder im Schlamm durchdrehten, aber er machte stur weiter – ließ den Motor aufheulen und drückte das Gaspedal durch. Plötzlich war seine monatelang unterdrückte Wut hervorgekommen, das hohe, anhaltende Kreischen des Motors schien fast sein eigener Schrei zu sein, und die Hinterräder des Wagens ließen den Schlamm bis zu Carl Roebucks halbfertigen Haus spritzen. Dann begann der Pick-up so heftig zu zittern, dass Sully kaum das Lenkrad halten konnte, schließlich gab der Motor zwei heftige Schluchzer von sich, erschauerte noch einmal und erstarb. Auch gut.“

eingeschätzt

Sully ist ein ganz Großer, der es immer wissen will, jeden Kampf auf sich nimmt und den Leser in eine Zeit entführt, in der Selbstoptimierung noch ein Fremdwort war.

www.dumont-buchverlag.de


 

Der letzte Granatapfel

von Bachtyar Ali

gelesen
„Er ging, und ich musste warten. Ein Warten wie in den ersten Jahren meiner Gefangenschaft, als ich noch ein unerfahrener Gefangener war und die Tage, Wochen und Monate zählte. Ah, es gibt keine schwierigere Kunst, als dir selbst beizubringen, nicht zu warten. Was ist der Mensch doch für ein schwaches Wesen, ständig wartet es auf etwas. Bis zum Jüngsten Tag wartet es auf die versprochene Belohnung, die niemals kommt, denn sie ist eine Lüge. Heute Nacht aber sage ich euch, dass der Mensch ohne Warten ein Nichts ist und zusammenbricht. Ohne das Warten ist er für immer verloren.”

eingeschätzt
ein absolut magischer Roman über Flucht, Freiheit und die ewige Suche – geschrieben von einem kurdischen Autor, der in Deutschland seine zweite Heimat gefunden hat

www.unionsverlag.com