Der leuchtend blaue Faden

von Ann Tyler

gelesen
„Was man am Neujahrstag macht, so heißt es, das macht man das ganze Jahr, und tatsächlich gab Abbys Verschwinden das Thema für 2012 vor. Sie begann, sich irgendwie zu entfernen, selbst wenn sie anwesend war. Bei vielen Gesprächen, die um sie herum stattfanden, schien sie teilweise zu fehlen. Amanda sagte, sie verhalte sich wie eine Frau, die sich verliebt hat. Aber ganz abgesehen von der Tatsache, dass Abby immer und ewig nur Red geliebt hatte – zumindest soweit sie wussten –, vermittelte sie nicht den Eindruck, als ob sie trunken vor Glück wäre, wie man das von Frischverliebten kennt. Sie schien vielmehr unglücklich zu sein, was überhaupt nicht zu ihr passte. Sie trug eine gereizte Miene zur Schau, und ihr Haar – inzwischen grau und auf Kinnhöhe gekürzt, so dicht und buschig wie die Perücke einer alten Porzellanpuppe – wirkte glanzlos und strapaziert, als hätte sie gerade etwas Schlimmes hinter sich.”

eingeschätzt
Über die kleinen und großen Geheimnisse in der Familie und das Geheimnis einer langen Ehe – herrlich!

verwandt
Die Korrekturen und Freiheit von Jonathan Franzen

www.keinundaber.ch

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SHORTCUTS IV

Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen von Till Reiners
Ein kluger Kopf mischt sich unter die, mit denen niemand mehr reden möchte und fragt „Warum haben so viele Menschen Angst vor Überfremdung? Und wieso habe ich keine?“ – hochinteressant.
www.rororo.de

Der alte König in seinem Exil von Arno Geiger
Der Vater wird dement und der Sohn begleitet ihn schreibend. Es bleibt ein ungutes Gefühl, wie der Sohn den Vater zu seinem Stoff macht und wirre Aussagen des Vaters überhöht werden. Dennoch eine Leseempfehlung.
www.hanser-literaturverlage.de

Machandel von Regine Scheer
Deutschland von 1930 bis 1990 – das ist ein großer Wurf und ein toller Roman. In einem kleinen Dorf lebt die Geschichte auf, die Geschichte von Nazis, Flüchtlingen, SED-Funktionären, aber auch Liebenden.
www.randomhouse.de

Der Nachtzirkus von Erin Morgenstern
Keine Literatur, aber man kann sich schlechter unterhalten. Vielleicht ist es doch Magie?
www.ullstein-buchverlage.de

 

 

 

 

 

 

Ehre

von Elif Shafak

gelesen 

„Meine Mutter starb zwei Mal. Ich habe mir geschworen, ihre Geschichte nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, habe aber nie die Zeit oder den Willen oder den Mut aufgebracht, sie niederzuschreiben. Bis vor Kurzem. Ich glaube nicht, dass jemals eine echte Schriftstellerin aus mir wird, aber das ist in Ordnung. Ich bin jetzt in einem Alter, in dem ich meine Grenzen und Fehler besser akzeptieren kann. Aber ich musste die Geschichte erzählen, und sei es nur einem einzigen Menschen. Ich musste sie in die Welt hinausschicken, damit sie losgelöst von uns frei davonschweben konnte. Diese Freiheit war ich Mum schuldig. Und ich musste noch dieses Jahr fertig werden, noch vor seiner Entlassung aus dem Gefängnis.”

eingeschätzt

Fesselnde Chronik eines Ehrenmordes – die Anflüge von Kitsch sind zu verzeihen

www.keinundaber.ch