Fünf Kopeken

von Sarah Stricker

gelesen
„Drei Dinge hatte mein Großvater im Krieg gelernt … Das Erste war, dass Stillstand den Tod bedeuten kann. Seinem Freund, mit dem zusammen er auf dem Foto im Esszimmer den rechten Arm in die Luft reckte, beide so voller Tatendrang, dass es sie fast aus dem Rahmen riss (der jedoch trotz wiederholter Veilchenkärtchenerinnerungen meine Großmutter ’nicht einmal!‘ zum Essen kam, weil er Kasan nicht ganz so lustig in Erinnerung behalten hatte wie mein Großvater) war ein Zeh abgefroren, als er sich während der Arbeit kurz auf einen Stein gesetzt hatte. Das war meinem Großvater eine Lehre. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich ihn in meiner Kindheit je länger als zehn Minuten habe stillsitzen sehen. Müßiggang war für ihn ein Virus. Er lauerte vor dem Fernseher, in Zeitschriften, in ungemachten Betten, in die man allzu leicht schnell zurückschlüpfen konnte, in Wannen, am meisten in Schwimmbädern. Und wenn man sich so einen Virus erst einmal eingefangen hatte, war es schwer, ihn wieder loszuwerden. Einmal zu lange geblinzelt, und schon erging es einem wie Max, Helm und Gundls Sohn, eigentlich ein lieber Junge, bis man ihn eines Sommers von seinem Ferienjob im Laden entbunden und stattdessen auf eine ‚Jugendfreizeit! Wenn ich so ebbes bloß här! Die junge Leid machen doch ehs ganze Johr nix anneres wie frei‘ geschickt hatte, während der er den Drogen und infolgedessen der Kunst verfiel, schließlich nach Berlin zog und Maler sein wollte, wovon er erst wieder kurierte, als die subventionierte Faulheit zusammen mit der DDR abgeschafft wurde.“

verstanden
Deutschland nach dem Krieg und der Wende und Menschen in Leidenschaft und damit im Krieg

eingeschätzt
unbedingt lesen – großartig

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