Der Trafikant

von Robert Seethaler

gelesen
„Mrs. Buccleton brach wieder in Schluchzen aus. Ihr Kinn zitterte, ihre Wangen wackeltenn, ihr ganzer Körper begann zu beben. Tatsächlich war sie stark übergewichtig und auch ansonsten keine Schönheit. Das einzig Beachtenswerte an ihr waren, neben ihrer Körperfülle, die zumeist weit aufgerissenen, hellblauen Kinderaugen, die beständig bereit schienen, sich beim geringsten Anlass mit Tränen zu füllen. Mrs. Buccletons Hysterie war geradezu idealtypisch. Sie war Amerikanerin, schwerreich, fünfundvierzig Jahre alt und stammte aus einer sonnigen, aber öden Kleinstadt im Mittelwesten. Vom früh verstorbenen Vater verhätschelt, von ihrer Mutter nie gemocht, von ihren beiden Ehemännern betrogen und verlassen, hatte sie versucht, ihren lebenlangen Kummer unter Bergen von Schweinesülze, Pasteten und Kirschkuchen zu begraben. Seit sie die Ordination vor ein paar Monaten betreten hatte, waren ihr Fortschritte mäßig. Stets kam sie als aufrechte Dame von Welt, doch kaum hatte sie sich aus ihrer von einem weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannten Übergrößenschneider maßgefertigten Lodenjacke helfen lassen und sich vor Anstrengung leise pfeifend auf die Couch hinabgesenkt, verwandelte sie sich in ein hilfloses und weinerliches Kleinkind, das noch dazu mit seinen Tränen und seiner Schminke die teuren Polsterbezüge verschmierte. Seltsamerweise mochte Professor Freud sie trotzdem.“

verstanden
Wien Ende der 1930er Jahre: unentschlossene Figuren in einer entschlossenen Zeit. Während der Trafikant Franz Huchel die Liebe sucht und Sigmund Freud die Heilung seiner Patienten, haben die Nationalsozialisten das Unheil bereits definiert.

eingeschätzt
sehr schön zu lesen

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2 Kommentare zu „Der Trafikant“

  1. Für mich auch absolut lesenswert (und der Titel sagt wirklich genau, um was es geht): vom gleichen Autor „Ein ganzes Leben“.

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