Buntschatten und Fledermäuse

von Axel Brauns

gelesen
„Klaren Kopfes verschwand ich im Kinderzimmer und nahm Platz. In der Vertrautheit meiner vier Wände zählte ich an fünf Fingern ab, was meine Vormittage ausfüllte: Einmal die Woche besuchte ich, immer noch, die Beseefrau ohne Besees, zweimal in der Woche musste ich in den Kindergarten und zweimal in der Woche zur Knieheilung. Wegen all dieser Ausflüge vernachlässigte ich bereits meine Sandkiste und meine Freunde im Hofhaus. (…) Aufgeräumt spazierte ich in die Küche und trug der Haha meine Entscheidung vor:
„Ich gehe nicht zur Schule.“ Für einen Lidschlag war die Haha sprachlos. Dann flatterten Fledermausworte auf mich herab: „Du gehst zur Schule.“ „Ich möchte aber nicht.“ „Alle Kinder kommen in die Schule.“ „Ich bin nicht alle Kinder.“ „Du wirst wie alle Kinder eingeschult.“ Ich fasste meine Kinderzimmergedanken versöhnlich zusammen: „Am Sonntag hätte ich noch Zeit.“ Die Haha unterbrach den Abwasch. „Kein Wort mehr!“
Verblüfft von der Hahahärte, tapste ich von dannen. Für die Schule fehlte mir die Zeit und trotzdem wollte mich die Haha dort hinschicken. Es bestand kein Zweifel: Bei meiner Mutter war eine Schraube locker.“

verstanden
Was Anderssein, Einsamsein und Fremdsein wirklich heißt, hat selten jemand so nachdrücklich wie der Autist Axel Brauns beschrieben und dabei – ganz beiläufig – die gesellschaftliche Normalität entlarvt.

eingeschätzt
beeindruckend, komisch und rührend und nicht nur für die, die mit der Modediagnose Autismus zu tun haben

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