Außer sich

von Sasha Marianna Salzmann

gelesen
„Ich kenne viele mit meiner Biografie, sie haben andere Kerben in ihrem Gesicht, tragen andere Kleidung, spielen Musikinstrumente, essen bei ihren Eltern am Sonntag Heringssalat, können danach die Nacht durchschlafen, fahren in den Süden, um Urlaub zu machen, und kehren am Ende des Sommers an Orte zurück, die sie Zuhause nennen. Für mich dagegen verschwimmen die Bilder, und ich lande immer wieder bei Vermutungen darüber, wie die Straßen hießen, in denen ich nie gewesen bin.

eingeschätzt
Auf jede Generation einen empathischen Blick gerichtet, auf jeder Seite ein einzigartiges Lesevergnügen, auf jeden Fall ein ausgezeichneter Debütroman.

www.suhrkamp.de

 

Advertisements

Special: Anne Tyler

Die störrische Braut
Die Adaption von Der Widerspenstigen Zähmung liest sich heute so:
Montag, 13:13 Uhr
Hi Kate! Wir haben Heiratserlaubnis geholt!
Wer ist wir?
Dein Vater und ich.
Na, dann hoffe ich, dass ihr glücklich miteinander werdet.

Atemübungen
Und der Dialog in einer langjährigen Ehe liest sich bei Anne Tyler so:
„Also, eines kann ich bei dir nicht ausstehen”, fuhr sie ihn an, „wie du dich immer als der Überlegene aufspielst. Ein zivilisierter Austausch von Argumenten ist einfach nicht möglich zwischen uns. Nein, du musst erst mal feststellen, wie unlogisch ich bin und was für ein Wirrkopf und wie besonnen du bist und wie sehr du über allem stehst.”
„Na ja, zumindest trete ich meine Lebensgeschichte nicht in öffentlichen Esslokalen breit”, erwiderte er.
„Lass mich hier raus”, sagte sie. „Keine Sekunde halte ich es mehr mit dir aus”.
„Gern”, sagte er, fuhr aber weiter.

Kleine Abschiede
Und der Abschied schließlich so:
„Bei jeder Auseinandersetzung zwischen ihnen war er auf und davon gegangen, bevor sie etwas geklärt hatten. Er brachte sie erst richtig in Fahrt und zog sich dann erhaben zurück, so dass der Eindruck entstand, wenigstens er benähme sich wie ein Erwachsener. Erwachsener? Eher ein alter Mann. Wer sonst ging mit Schuhen in die Brandung? Wer sonst kühlte so umständlich spritzend seine Brust und Oberarme ab, bevor er ins Wasser tauchte. Und schaute, wieder aufgetaucht, auf die Uhr, großer Gott? Delia kam es vor, als messe er den Wellenrhythmus, ein ausgeklügeltes, kleinliches Ritual, das sie zornig machte.
Sie schnappte ihre Strandtasche von der Decke, machte auf dem bloßen Hacken kehrt und stapfte durch den Sand davon.”

 

Raumpatrouille

von Matthias Brandt

gelesen
„Nach dem Spiel hatten mich Holger und dessen Vater mitgenommen. Seit Wochen hatte ich mich darauf gefreut, dort zu übernachten. (…) Alles und jeder schien seinen festen Ablauf und Platz zu haben und wie bei der Märklinbahn in überlegt vorgegebenen Spuren zu laufen, ohne jegliche Gefahr der Abweichung oder des Zusammenstoßes. Es hatte auf mich den Eindruck gemacht, als würde hier eine Handlung, nachdem sie erprobt und für gut befunden worden war, von da an auf immer die gleiche Weise ausgeführt. Fragen, die sich mir täglich stellten und deren Beantwortung einen Großteil meiner Zeit beanspruchte, schien es hier gar nicht zu geben.
Auf ein für mich unsichtbares Zeichen hin, vielleicht zur immer gleichen Uhrzeit, waren zum Beispiel alle Mitglieder der Familie in ihren Zimmern verschwunden, um sich einige Minuten später in verschiedenen Varianten von Freizeitkleidung zum Fernsehschauen im Wohnzimmer einzufinden.”

eingeschätzt
Wunderbare, bescheiden erzählte Geschichten und eine Zeitreise zu Abenden mit Petersilienröschen und Fürst-Pückler-Eis

www.kiwi-verlag.de